50 Jahre Volksbildungswerk. 30 Jahre Eschborn K


Am 25. und 26. Juni 2004 feierte das Volksbildungswerk seinen 50. und Eschborn K als Kleinkunstbühne seinen 30. Geburtstag.

Die Rede von Dr. Bernward Löwenberg, Landrat des Main-Taunus-Kreises a.D., anlässlich der Feierstunde am Freitag, den 25. Juni 2004


DrLöwenbergRede von Dr. Bernward Loewenberg als PDF











Dr. Bernward Löwenberg


Kunst und Erwachsenenbildung im kommunalen Bereich

Vortrag anläßlich 50 Jahre Volksbildungswerk Eschborn und 30 Jahre Eschborn K
Eschborn, 25 Juni 2004


Sehr geehrter Herr Bürgermeister Speckhardt!
Sehr verehrte Frau Jonberg! Sehr geehrter Herr Reichert, lieber Herr Schnee!
Meine sehr geehrten Damen und Herren!


Auch ich gratuliere dem Volksbildungswerk Eschborn und dem Eschborn K zu den beachtlichen 50 bzw. 30 Jahren ihres erfolgreichen Wirkens in dieser Stadt sehr herzlich. Einrichtungen leben von Menschen; daher gilt mein Glückwunsch natürlich auch den vielen ehrenamtlichen und anderen in der Erwachsenenbildung in Eschborn engagierten Damen und Herren, namentlich Frau Jonberg und Herrn Schnee.

Die beiden Jubiläen sind Anlaß genug, sich einmal mehr mit dem Kulturellen in der Kommunalpolitik zu befassen. Gerade in Zeiten leerer Kassen besteht die Tendenz, sich ganz auf die Befriedigung des notwendigen Bedarfs zu konzentrieren und die sog. freiwilligen Aufgaben, zu denen die Kultur gerechnet wird, zu reduzieren.

Wo ist aber der eigentliche Schnittpunkt zwischen beiden. Ich habe für mich eine einfache Faustregel entwickelt: Kultur beginnt dort, wo – bildlich gesprochen – mehr getan wird, als das „Dach über dem Kopf“ herzustellen.

Kultur hat begonnen, als der erste Mensch Zeichen in einen Stein geritzt hat, um eine Information zu fixieren oder weiterzugeben, also eine geistige Leistung vollbracht hat, die über unmittelbare Befriedigung des physischen Bedarfs hinausging.

Unstreitig ist – denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein -, daß auch die seelisch-geistigen Bedürfnisse des Menschen ihre Erfüllung finden müssen. Dazu trägt kommunale Kulturpolitik wesentlich bei.

Schon lange spricht man bei der Wirtschaftsförderung von sog. weichen Standortvorteilen. Dazu gehört ebenso unstreitig auch ein qualitativ hochwertiges kulturelles Angebot.

Kulturpolitik ist insofern durchaus keine freiwillige, beliebig reduzierbare, sondern eine Kernaufgabe der kommunalen Selbstverwaltung von großer Bedeutung für das Wohlbefinden der Menschen in einer Stadt.

Kulturpolitik war deshalb für mich immer ein wesentliches Anliegen, und so freue ich mich, daß ich heute abend über das Thema:

Kunst und Erwachsenenbildung im kommunalen Bereich
Sprechen kann.

Sie merken sicher: nach dem, was ich eben gesagt habe, würde ich natürlich am liebsten über Kultur im kommunalen Bereich sprechen. Dann könnte auch so Wichtiges einbezogen werden wie Bibliotheken, die selbstverständlich auch zur Erwachsenenbildung gehören, ebenso wie Tätigkeiten der Vereine mit kulturellen Zielsetzungen und viele andere Aktivitäten, die nicht unbedingt der Kunst zuzurechnen sind, aber wesentlicher Ausdruck von Kultur einer und in einer Stadt sind.

Aber die Themenstellung fokussiert auf die Aspekte der Kunst und der Erwachsenenbildung. Indirekt werden wir allerdings doch stets über das Kulturelle im allgemeinen mitsprechen; denn ganz unbestritten: wie die Erwachsenenbildung gehört Kunst zur Kultur.

Die Befassung mit Kunst ist immer ein kultureller Vorgang, übrigens auch deren Vernachlässigung ebenso wie die Beseitigung oder Zerstörung von Kunstwerken, letztere allerdings ein negativer.

Packen wir also unser Thema an:
Es hat zwei wesentliche Teile: Kunst und Erwachsenenbildung und diese scheinen irgendwie miteinander verbunden zu sein. Das soll zu klären versucht werden.

Dabei stellt sich sofort die Frage: welcher Bereich der Kunst soll denn behandelt werden ?

Wenn wir von Kunst sprechen wollen, liegt nämlich ein weites Feld vor uns.

Beim Wort „Kunst“ denken viele meistens ganz spontan an bildende Kunst, Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen .... Wir wissen aber: das Spektrum von „Kunst“ ist viel weiter. Zu Kunst gehören natürlich Musik, Dichtkunst ( Schriftstellerei, Roman, Drama, Lyrik usw), darstellende Kunst ( Theater, Oper, Tanz, Film, Video .... ), Kunst der Rede und weiter viele Varianten von Kunst – wir denken an die 9 Musen der alten Griechen - bis hin zur Kochkunst. Niemand wird bestreiten, daß gut zu kochen eine Kunst ist und ein gutes Menu ein Kunstwerk sein kann.

Jeder von uns begegnet fast täglich bewußt oder unbewußt irgendeiner dieser Formen von Kunst, überwiegend rezeptiv, d.h. wahrnehmend, nicht selbst gestaltend.

Mir scheint wichtig, ins Bewußtsein zu rufen: die Begegnung mit Kunst ist jeweils anders zu bewerten je nach dem, ob sie aktiv (gestaltend) ausgeübt oder ob ein Kunstwerk im Entstehungsprozeß oder als Ergebnis von Gestaltung betrachtet, beobachtet, gehört, gelesen wird.

Diese allgemeinen Vorbemerkungen sollen sicherstellen, daß wir das gesamte Spektrum „Kunst“ insgesamt im Auge haben, wenn wir exemplarisch über Kunst und Erwachsenbildung im kommunalen Bereich nachdenken.

Wir müssen aber auch die Frage stellen, was zur Erwachsenenbildung im kommunalen Bereich gehört.

Beim heutigen Anlaß, der Geburtstagsfeier des Volksbildungswerks Eschborn und des Eschborn K, könnte leicht vergessen werden, daß im kommunalen Bereich Bibliotheken einen wichtigen Beitrag zur Erwachsenenbildung leisten und die ganz natürliche Ergänzung der anderen Einrichtungen der Erwachsenenbildung sind. So ist es auch hier mit den beiden Bibliotheken in Eschborn selbst und im Stadtteil Niederhöchstadt.

Es wäre nun höchst reizvoll zu fragen, welchen Beitrag zur Kunst jeweils die Bibliotheken und das Volksbildungswerk Eschborn leisten.

Wenn auch in den Bibliotheken bei den Ausleihen der Erwachsenen Sachbücher im Vordergrund stehen, so spielt der Bereich der Belletristik, also der literarischen Kunst, keine ganz untergeordnete Rolle. Literatur in Form von Romanen, Dramen, Essays oder Lyrik wird in Zukunft wahrscheinlich mehr nachgefragt werden, da die Menschen mehr Zeit zur Lektüre haben.

Um das gestellte Thema ganz auszuschöpfen, müßte also eigentlich auch der Bereich der Bibliotheken und der Kunst der Literatur behandelt werden. Das würde aber den Rahmen dieses Vortrages sprengen. Immerhin: ganz ausgeklammert ist diese Kunstgattung nicht, denn das Volksbildungswerk bietet auch die Auseinandersetzung mit Literatur in seinem Programm an.

Wenn ich mich hier – und damit erfülle ich sicher auch ihren Auftrag – auf die beiden Geburtstagskinder und den Bereich der bildenden Kunst beschränke, ist nach allem also klar, daß andere Einrichtungen im kulturellen Bereich mitgewürdigt werden.

Eine der herausragenden Leistungen des Volksbildungswerks ist, seinen Hörerinnen und Hörern den Zugang auch und gerade zur Kunst zu eröffnen oder doch zu erleichtern. Dies bestätigt beispielhaft eine Analyse der letzten Programme.

Das Eschborn K hat seine Aufgabe immer in der Präsentation anspruchsvoller Filme, Werken also der darstellenden Kunst, gesehen und steht damit besonders im Dienste der Rezeption von Kunst.

Demgegenüber macht das Volksbildungswerk Eschborn unter der Rubrik „Kunst und Kreativität“ regelmäßig relativ viele Angebote. Offensichtlich wird also die Möglichkeit und Befähigung zu eigener künstlerischer Betätigung entsprechend nachgefragt. Auffällig und interessant ist, daß weit weniger Kurse zur Kunstbetrachtung ( z.B. durch Ausstellungsbesuche, Vorträge etc.), zum Erlernen des Umgangs mit Kunst und zur Kunstgeschichte angeboten werden. Die Nachfrage danach scheint also nicht im gleichen Maße zu bestehen.

Das stimmt auch mit der Erfahrung überein, daß bei der bildenden Kunst im allgemeinen eigene Aktivität wohl eher stimuliert, als mehr rezeptives Verhalten. Die eigene – wie auch immer qualitativ zu bewertende – künstlerische Tätigkeit, auch Kreativität genannt, scheint attraktiver zu sein als die Auseinandersetzung mit künstlerischer Tätigkeit anderer und deren Ergebnissen.

Woran liegt das?

Ein von einem anderen geschaffenes Kunstwerk zu begreifen, ist ein höchst komplexer und mit Mühen verbundener Vorgang, der in mehreren Schritten erfolgt:

Der erste Schritt ist, daß man sich selbst ganz zurücknimmt und auf einen anderen einstellt. Das fällt manchem schon durchaus schwer.

Im zweiten Schritt findet die genaue Beobachtung und dadurch die Erfassung des Kunstwerks statt.

Der dritte Schritt ist die Bewertung: wie ist dieses Kunstwerk nach allgemeinen Kriterien einzuordnen und was sagt es mir?

Im vierten Schritt findet die Entscheidung darüber statt, ob ich das Kunstwerk für mich selbst akzeptiere, es zurückweise, aber doch toleriere.

Sie erkennen sicher auch die Parallele zu politischen und anderen gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen. Wobei allerdings zu bemerken ist, daß bei der Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk, regelmäßig das Korrektiv des Partners oder Gegners fehlt. Das Kunstwerk kann sich nicht wehren und ist uns in gewisser Weise schutzlos ausgeliefert.

Um so bemerkenswerter ist die Konstellation in Eschborn für die „Kunst in der Stadt“.

Durch die Art und Weise, wie Vertreter des Volksbildungswerks Eschborn mit den verantwortlichen Vertretern der Stadt im Strom- und Gegenstromverfahren zusammenarbeiten, sind die Kunstwerke in der Stadt nicht wehrlos.

Im Gegenteil: die politischen Vertreter der Stadt, die über Aufstellung, Ausstellung und / oder Anschaffung von Kunstwerken zu entscheiden haben, finden im Volksbildungswerk Eschborn kompetente Gesprächspartner. Sie stehen damit in der Entscheidung über Für, Wider oder Tolerierung eines Kunstwerks, die sie ja nicht nur nach eigenem Geschmack oder Gefallen zu treffen haben, nicht allein.

Ja, mehr noch: die über Kunst im kommunalen Bereich zur Entscheidung berufenen Politiker können mit einer hohen Akzeptanz bei der Bevölkerung und den Medien rechnen, wenn sie in Übereinstimmung mit Personen stehen, die wegen ihres Sachverstandes in der Stadt anerkannt sind.

Ein besonders schönes Beispiel ist dafür die „Skulpturen-Achse Westerbach“. Sie ist über einen gewissen Zeitraum gedanklich gereift ist und unter Nutzung der Gunst der Stunde mit der Gründung des „Förderkreises Skulpturen-Achse“ bei der Jahreshauptversammlung 1988 des Volksbildungswerks Eschborn in die Umsetzungsphase übergeleitet wurde. Die Auswahl der Künstler und der Standorte folgte dann jeweils in enger Abstimmung zwischen den städtischen Gremien und dem Volksbildungswerk Eschborn.

Die Flexibilität in der Zusammenarbeit beider Seiten kam schließlich zum Ausdruck, als Thomas Beckers „Adam und Eva“ wegen Problemen des Verbleibs am ursprünglich vorgesehenen Standort kurzer Hand ans Rathaus gesetzt wurden. Dort stehen sie nun so, als seien sie für den Ort wie geschaffen.

Damit war zwar streng genommen das Projekt „Skulpturen-Achse Westerbach“ verlassen, aber der Gedanke, die Stadt durch Skulpturen besser erfahrbar zu machen, ist zusätzlich akzentuiert worden.

Das Gleiche gilt für John Henrys monumentales Kunstwerk „Fulcrum“ im Mittelpunkt des Gewerbegebietes Süd, durch das die „Skulpturen-Achse Westerbach“ nun zu recht und tatsächlich zur „Skulpturen-Achse Eschborn“ geworden ist. Seine Akzeptanz wurde wesentlich verstärkt durch die Aktion der vier Fotographen, die das „Fulcrum“ in seiner Wiederentstehung in Eschborn höchst dynamisch mit ihrem Medium der bildenden Kunst, der Photographie, erfaßt und in einer Ausstellung dokumentiert haben.

Diese Entwicklung hat ihre Fortsetzung schließlich in einem anderen Großkunstwerk gefunden, dem „Travel a head“ von Florian Borkenhagen im ehemaligen Camp, fast physisch spürbar mit dem „Fulcrum“ verbunden.

Damit bin ich an einem etwas sensiblen Punkt angekommen. Aber ich sage gleich deutlich meine Meinung: das „Fulcrum“ muß in Eschborn bleiben und auch an dieser Stelle, wenn nicht die gesamte Konzeption von „Kunst in der Stadt“ in Frage gestellt werden soll.

Ich war bei der Vorstellung dieses Kunstwerks im Herbst 2002 dabei und überrascht, daß es nicht schon immer dort gestanden hat. So genau paßt es an diese Stelle, so sehr identifiziert es mit der Dynamik und Weltoffenheit von Eschborn, daß es nicht hinweggedacht werden kann, ohne eine schwere Wunde zu hinterlassen. Videant consules...!

Vor wenigen Tagen noch bin ich in einer anderen Stadt des Rhein-Main Gebietes nördlich von Frankfurt gewesen mit einem längst nicht so großen Gewerbegebiet wie das von Eschborn, aber voller Kunstwerke im Straßenraum, auf Kreisverkehrsinseln, vor und in den Unternehmen. Wie ich in Erfahrung gebracht habe, sind einige dieser Kunstwerke von in diesem Bereich ansässigen Gewerbebetrieben gesponsort worden.

In Brüssel habe ich vor Jahren erlebt, daß mehrere Großkunstwerke im Verlauf des Boulevard Jacquemin von den dort befindlichen Unternehmen der Stadt geschenkt wurden, um ihren Beitrag zur als notwendig erkannten künstlerischen Gestaltung dieses neuen Gewerbegebietes zu leisten.

Bei der Dynamik der Eschborner müßte doch ein Pakt mit den anliegenden Unternehmen gelingen, daß diese maßgeblich zur Finanzierung von „Fulcrum“ beitragen.

Damit sind wir übrigens wieder ganz beim Thema: „Kunst und Erwachsenenbildung im kommunalen Bereich“. Das ist ein Programm, das auch für die Unternehmensleitungen in Eschborn geöffnet werden kann und sollte. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten bewährt sich Unternehmenskultur als gelebte „Bildung von Erwachsenen“, wenn sich Unternehmen z.B. an Kunst im kommunalen Bereich beteiligen.

Nun wäre es sicherlich zu euphorisch, ja falsch, alles, was bisher an bildender Kunst im städtischen Raum in Eschborn entstanden ist, unmittelbar auf die gute Zusammenarbeit zwischen der Stadt und dem Volksbildungswerk zurückzuführen.

Wichtig ist für das Gedeihen von Kunst im kommunalen Bereich vielmehr, daß ein Klima der Offenheit für Kunst besteht.

Ein solches Klima entsteht am ehesten, wenn in einer Stadt Einrichtungen sind, die zur geistigen Betätigung anregen und zur intellektuellen Bereicherung der Bürger beitragen. Dazu gehören Vortragsveranstaltungen, Ausstellungen, die Bibliotheken mit ihrem Angebot an Literatur, um nur einige Beispiele zu nennen.

In Eschborn haben in besonderem Maß das Volksbildungswerk und das Eschborn K daran einen nicht zu unterschätzenden Anteil. Die in diesen Einrichtungen tätigen Personen, zu einem guten Teil selbst ausübende Künstler, setzen - bewußt oder unbewußt wahrgenommen – seit Jahren geistige Potentiale frei, geben Anstöße, greifen in Diskussionen ein und wirken so weit über ihren engeren Bereich positiv und motivierend auf das geistige Klima der Stadt ein.

So sind also in Eschborn Kunst und Erwachsenbildung im kommunalen Bereich in beispielhafter Weise miteinander verbunden.

Mögen Volksbildungswerk Eschborn und Eschborn K auf diesem Wege weiter gleichermaßen erfolgreich wie bisher voranschreiten und dabei die Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger, der Unternehmungen und der Stadt behalten.

Hoch